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Farbe am rekonstruierten Fachwerkhaus
Bemerkungen zur historischen Anstrichtechnik

Den Marktplatz in Hildesheim kennzeichnen Nachbildungen einstiger Holzarchitektur. Bilddokumente, wie Gemälde, Fotos oder Zeichnungen, lieferten Informationen zur Nachbildung architektonischer Formen, doch um das ursprüngliche farbige Erscheinungsbild zerstörter Bauten am Marktplatz nachzubilden, reichten die Quellen nicht aus. Bei der Rekonstruktion entschloß man sich deshalb für eine Farbgebung, die dem 19. Jahrhundert huldigt.

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Holzfachwerkfassaden
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 Holzfachwerkfassaden am Hildesheimer Markt

Wenn es darum geht, gültige Aussagen über historische Farbgebungen an Fachwerkhäusern zu treffen, ergeben sich nicht nur in Hildesheim unüberwindliche Schwierigkeiten durch eine unzureichende Dokumentationslage. Auch in den Nachbarstädten oder in mit Hildesheim möglicherweise vergleichbaren Orten (Einbeck oder Hameln), selbst in anderen Landschaften, in denen historische Bauten vielleicht noch weitgehend erhalten blieben, ist die Situation nicht wesentlich besser.

Besonders wenn man eine gesicherte Aussage über die Farbigkeit der Bauten zur Zeit ihrer Vollendung, im Falle des Knochenhaueramthauses und des Wedekindhauses, die Jahre um 1600, eingrenzen möchte, wird der Mangel an ausreichend gesicherten Befunden und brauchbaren Dokumenten deutlich. Die wenigen veröffentlichten Beispiele, der nach so genannten Originalbefunden wieder neu in Farbe gesetzten Fachwerkhäuser können kein allgemeingültiges oder gar auf die Region Hildesheim sicher übertragbares Bild zeichnen. Selbst einem 'So-könnte-es-gewesen-Anspruch' genügen sie nur in den seltensten Fällen.

 

        Historiker, Baudenkmalpfleger, Farbgestalter, wer immer sich mit der ursprünglichen Farbigkeit von historischen Fachwerkhäusern ernsthaft auseinandersetzt, sieht sich vor eine Vielzahl nur unbefriedigend beantworteter Fragen gestellt. Deren Basis lautet in etwa:

  • Welche Farbigkeit zeigten Fachwerkhäuser (oder eine bestimmte Gruppe, wie z. B. Bürgerhäuser) zu einer definierten Zeit?

Die dieser simplen Frage vorausgehende, nämlich ob diese Häuser ursprünglich überhaupt farbig behandelt waren oder zumeist nur die Farbigkeit des verwendeten Baumaterials zeigten, stellt sich außerdem. Zieht man schützende und zugleich schmückende Behandlungen in Kalkül, folgen weitere Fragen: 

  • Welche geeigneten Pigmente und Bindemittel waren zu welcher Zeit bekannt und verfügbar?

  • Standen die für eine angenommene Farbfassung aufzuwendenden Kosten in einem realistischen Verhältnis zur mutmaßlichen Bausumme? Was läßt sich über das Verhältnis von Schmuckbedürfnis (Repräsentation) und Haltbarkeitserwartung (Witterungsschutz) sagen?

Die Frage nach dem finanziellen Aufwand einer Bemalung lenkt den Blick auf die soziale Stellung des Bauherrn. Man wird bei solche Überlegungen nicht unbeachtet lassen, wie weit eine farbige Bemalung mit dem einem vorauszusetzenden Schmuckbedürfnis oder dem Besitzerstolz des Bauherrn zu bewerten ist.

Die Verfügbarkeit der Anstrichmittel spielt eine entscheidende Rolle. Sie wird als ebenso maßgebend für die Art der Güte der Farbfassung anzusehen sein, wie der Kenntnisstand über Mal- und Anstrichtechniken.

In diesem Zusammenhang wäre wichtig zu wissen, ob Maler oder Bauhandwerker die Anstricharbeiten ausführten. Kaufte der Maler Pigmente beim Krämer oder Apotheker?

Nach HÖCKLIN (1970)  lieferte die Ratsapotheke 1577 an die Stadt Hildesheim neben verniss (Firnis), rode menni (rote Mennige), spangron (Spangrün, ein Pigment, das vorwiegend aus mit Essig behandelten Kupferspänen hergestellt wurde) und bluwitt (Bleiweiß). Rechnungen über solche Lieferungen können wertvolle Beiträge zur Beantwortung der hier in Anrede stehenden Fragen erbringen, besonders wenn sie auf ein in seinen Abmessungen und Details bekanntes Bauwerk Bezug nehmen. Da diese aufgeführten Materialien üblicherweise mit Mengenangaben versehen wurden, erscheint es möglich, die Flächen des Bauobjektes mit den Materialverbrauchsmengen zu korrelieren und so zu einem ungefähren Bild der einstigen Farbigkeit, der Farbverteilung zu gelangen. Allerdings wurde dieser Weg bisher viel zu selten beschritten.

Zu den Farbuntersuchungen am ehemaligen Leist'schen Hause in Hameln (ein Steinbau) führt BÜHRUNG (1965) zwei Malerrechnungen von 1598 an. Sie betreffen "Schloß Varenholz inbehuf die Auslucht anzustreichen." Für den Erker dieses bei Rinteln gelegenen Schlosses, verarbeitete man demnach 47 Pfund Bleiweiß, 3 Pfund Spangrün, 6 Pfund Mennige, 7 Pfund Ockergel, 3 Pfund Bleigel (Dabei handelt es sich um Bleiglätte, ein gelbes Pulver ohne wesentliches Färbevermögen, das aber als Trocknungsmittel wirkend vornehmlich beim Vergolden dem Firnis beigegeben wurde.),  1 Pfund Steinblau, 1 Pfund Oilblau, 24 Loit Blaue (blauer Farbstoff unbekannter Art, jedoch sicherlich kein Pigment), 8 Loit Zinnober, 14 Buch Gold und 20 Silber (1 Buch enthält heute traditionsgemäß 12 Büchlein zu je 25 Blatt Blattgold im Format von 8 x 8 cm).

        Während historischen Maltechniken der Wand- und Tafelmalerei, der Fassmalerei und Buchmalerei Gegenstand zahlreicher Untersuchungen sind, liegt zur Geschichte der Anstrichtechniken so gut wie nichts vor. Dass so wenige Nachrichten und Dokumente bekannt sind, mag in erster Linie daran liegen, dass Anstriche in der Handwerkskunst eine untergeordnete Rolle spielten. Da die bekannten Malanweisungen des Spätmittelalters und der beginnenden Neuzeit nicht speziell auf die farbige Behandlung von Bauteilen oder Hausfassaden eingehen, ist auch denkbar, dass die am Bau notwendigen Vorgehensweisen außer acht bleiben konnten, weil sie während der Lehre innerhalb der Werkstätten ohnehin in ausreichendem Maße vermittelt wurden und damit als bekannt galten und einer schriftlichen Erwähnung nicht bedurften.

        Das Feld der historischen Mal- und Anstrichtechnik zu beschreiten ist auch dann erforderlich, wenn es gilt, an erhaltenen Fachwerkbauten oder Bauteilen freigelegte Anstrichreste – so genannte Originalbefunde - richtig einzuordnen und zu bestimmen. Größte Schwierigkeiten ergeben sich dabei aus der Tatsache, dass solche Farbschichten nur äußerst selten mit einiger Sicherheit datierbar sind. Glückliche Umstände, bei denen bemalte Bauteile durch datierte Umbauten verdeckt aufgefunden wurden, sind sehr selten und bieten fast die einzige Möglichkeit, bei alten Farbschichten Zeitangaben des Auftragens, zumindest als terminus ad quem, einigermaßen sicher zu bestimmen.

        Sich mit den einstigen Farbfassungen oder gar mit Farbrekonstruktionen Hildesheimer Fachwerkhäuser zu befassen, bedeutet, sich darüber klar zu werden, wie sehr das Erscheinungsbild des 1945 untergegangenen Alt-Hildesheim vom Historismus geprägt war. Die in der lokalen Presse erschienen Leserzuschriften über das in den 1970er Jahren neu in Farbe gesetzte Werner’sche Haus am Godehardiplatz legte Zeugnis dafür ab, wie beharrlich Hildesheimer Bürger an  Erinnerungsbildern festhalten und Verlorenes tradiert haben wollten.  

       Zum Wiederaufleben des Hildesheimer Marktplatzes als Reflexion dessen, was so viele Hildesheimer seit dem Bombeninferno schmerzlich vermissen, gehört konsequenterweise eine Farbigkeit, die als Abbild des Verlorenen wieder erkannt werden soll. Es ist jene aus der Ära des so genannten 'Pinselvereins'.  Dieser 'Verein zur Erhaltung von Kunstdenkmälern', wie er offiziell hieß, wirkte in Hildesheim seit 1887. Dem Historismus verbunden, brachte er mit denkmalpflegerischer Absicht Farbe ins Stadtbild und machte Alt-Hildesheim zu dem, was seine Bewohner voller Stolz gern das 'Nürnberg des Nordens' nannten. (Ob ihnen dabei bewusst war, welche regional-typische eigenständige Entwicklung Hildesheim in den Schmuckformen der Fachwerkhausarchitektur aufzeigte, darf bezweifelt werden; auch diesem Aspekt ist bisher nur wenig Beachtung geschenkt worden.)

        Im Jahre 1927 fand in Hildesheim ein Verbandstag der Niedersächsischen Malerinnungsverbände statt. Aus diesem Anlass zeigte man in der Kunstgewerbeschule eine Ausstellung unter dem Thema »Farbe in Raum und Straße«, hielt Vorträge zur Farbgestaltung, besichtigte und begutachtete an Fachwerkhausfassaden durchgeführte Wettbewerbsarbeiten verschiedener Malerbetriebe. Die Festschrift dieses Verbandstages enthält einen Beitrag von SAEGER (1927), in dem es heißt: "Seit einigen Jahren", gemeint ist die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, war man in Deutschland bemüht, in "das graue Einerlei der Häuser" Farbe zu bringen. Der Impuls dazu ging von Magdeburg aus und führte in Niedersachsen schließlich zur Gründung des Bundes zur Förderung der Farbe im Stadtbild. In Hildesheim reichten die Bemühungen, die alten Fachwerkschnitzereien in "leuchtende Farbe" zu setzen jedoch weiter zurück, nämlich bis zu den Jahren um 1885 1). Damals hatte man "aufgrund vorgefundener Farbspuren" das Knochenhauer-Amtshaus am Markt "mit ungebrochenen Farben" gestrichen. Allerdings ohne Anerkennung, denn bereits ein Jahr darauf erfolgte ein erneuter Anstrich, diesmal "in gedämpften Tönen mit starker Verwendung von Gold."

        In der Folgezeit beriet der Verein Malerfirmen und Auftraggeber bei Neuanstrichen und ging bei seinen Empfehlungen zur historischen Farbgestaltung von Fachwerkhäusern bis etwa 1914 nach folgendem Schema vor: Für das Holz der Balken verwandte man, der damaligen Anschauung nach, nur Materialtöne für Holz, Stein usw. benutzen zu dürfen, einen so genannten Holzton, ein helleres oder dunkleres Braun. "Die Profilierungen und Schnitzereien wurden »farbig abgesetzt. Für die Hintergründe der geschnitzten Füllungen unter und neben den Fenstern und denen der Schwellen wurde Blau oder Rot verwendet ... Die geputzten Füllungen wurden in einer dem Kalkputzton ähnlichen weißlichen oder gelbweißen Farbe ... überstrichen. Das einzige Bauglied, das außer den schon genannten Profilierungen, Figuren und Hintergründen kräftig farbig betont wurde, waren die Fenster, die rot, blau, hell- oder dunkelgrün, mit oder ohne weißem Kittfalz gestrichen wurden."

        Der erste Weltkrieg unterbrach die Bemühungen um die Pflege der Hildesheimer Fachwerkarchitektur. "
Erst 1924 hat die Stadtverwaltung nicht nur die in ihrem Besitz befindlichen Fachwerkhäuser und damit die hervorragendsten der Stadt, wie Knochenhauer-Amtshaus, Wedekindhaus, Pfeilerhaus, Kaiserhaus u.a." nach und nach wieder in Farbe setzen können, sondern auch alljährlich Zuschüsse zu Kosten für Neuanstriche bei Privathäusern gezahlt. Das Farbschema wurde abgewandelt wieder aufgenommen. Man strich nun das Fachwerk "in dunkelfarbigen Tönen, blau, rot, grün, schwarz oder in weichem farbigen Grau, wie es dem Ton jahrhundertealten ungestrichenen Eichenholzes entspricht." Die geputzten Gefache erhielten "einen zu dem jeweiligen Holzton harmonisch stimmenden helleren, aber durchaus farbigen satten Ton." Profile setzte man wie in den Jahren zuvor stark farbig ab. Geschnitzte Ornamente und Formen wurden „mit Farbe herausgearbeitet", um sie optisch besser in Erscheinung treten zu lassen. Die Windbretter der gotischen Häuser erhielten manchmal geometrische Muster oder gotische Ornamente aufschabloniert. Dabei orientierte man sich an den Flachschnitzereien erhaltener Windbretter oder versuchte gar, die "zackigen Ornamente" der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts mit dem alten geschnitzten Schmuck in Einklang zu bringen. Um einzelne Häuser oder ganze Straßenzüge nicht zu bunt erscheinen zu lassen, fand für Fenster stets der gleiche Farbton, ein gebrochenes warmes Weiß, Anwendung.

        Besondere Aufmerksamkeit widmete man damals selbstverständlich jenen für Hildesheim typischen Bauten der Renaissance, für die es eine "stilgerechte Farbgestaltung" zu finden galt. Im Zusammenhang mit dem Wedekindhaus am Markt und dem Pfeilerhaus am Andreasplatz heißt es in der Festschrift: Bei ihnen "die Fülle der Ornamente farbig gut herauszuarbeiten, erfordert eine sehr geschickte Hand und ein feines Verständnis. Gern wird für manche Ornamente auf farbigem Grund ein fein nuanciertes Grau gewählt, das vermittelnd die Vielfarbigkeit nicht zu bunt werden läßt. Durch die sparsame oder reichere Anbringung von echtem Gold, das namentlich für Schwelleninschriften, für Namensbezeichnungen, Attribute, einzelne Profilglieder usw. verwendet wird, habe wir weiter ein gutes Mittel, um die vielen Farbtöne zusammenzubringen."

Leinölfirnis − Kaseïn

        Die Anstriche wurden damals in Ölfarbentechnik ausgeführt - das Holzwerk ebenso wie die geputzten Gefache. Glänzende Oberflächen suchte man zu vermeiden, und zwar durch Überstreichen der noch frischen Ölfarbe mit Milch.

        Ölfarbe besteht aus Farbton bestimmenden Pigmenten und dem Bindemittel Leinölfirnis. Das ist im wesentlichen ein durch Kochen vorpolymerisiertes, aus Leinsamen gepresstes Öl. Solch ein Firnis wird in historischen Arbeitsanweisungen für Maler häufiger genannt. Eine sehr frühe Beschreibung zur Herstellung und Anwendung von Leinölfirnis findet sich in den schedula artium des Theophilus Presbyter (ILG 1874). Der Autor ist vermutlich mit Rogerus identisch, einem Benediktinermönch, der um 1100 im Kloster zu Helmershausen wirkte. In seiner für die Geschichte der kunsthandwerklichen Techniken, insbesondere auch für die Maltechnik, außerordentlich bedeutungsvollen Schrift heißt es in der Übersetzung bei BERGER (1912): "Wenn du die Türflügel aber rot machen willst, so gebrauche Leinöl ... Mit diesem Öle male Minium oder Zinnober ohne Wasser auf dem Steine, streiche es mit dem Pinsel auf die Türen oder Tafeln, welche du rot machen willst und trockne es an der Sonne. Darauf bestreiche abermals und trockne von neuem. Schließlich aber überstreiche den Leim, welcher Vernition genannt wird."

        Theophilus rät hier also zwei aufeinander folgende Ölfarbenanstriche und eine abschließende unpigmentierte Lackierung mit "glutine vernition" aufzutragen. Gemeint ist damit ein mit Harzen (vermutlich Sandarak oder Bernstein) versetzter Leinölfirnis. "Jede mit diesem Firnis überstrichene Malerei wird leuchtend und prächtig und durchaus dauerhaft", schreibt er dazu. Ob sich diese Aussage nun nur auf Malerei oder auch auf Malerarbeiten in unserem heutigen Sinne bezog, bleibt fraglich obgleich Theophilus eine Tür nennt, die es rot anzustreichen gilt. Eindeutig um Fassmalerei handelt es sich bei einem von GATZ (1936) übernommenen Auszug aus der Ergänzung der Hamburger Malerordnung von 1458. Sie verpflichtete zu einer ähnlichen Arbeitsweise, wie sie Theophilus empfahl, wenn es heißt: "Der Maler soll alles Bildwerk und Blattwerk, das in Regen und Wetter stehen muß, mit Ölmennige tränken auf dem rohen Holz, machen darauf seinen Grund und den Grund dann wieder in Ölfarbe tränken und vergolden darauf und malen ..."

        Leinöl und Leinölfirnis besitzen die Eigenschaft, durch Aufnahme von Sauerstoff zu trocknen. Dass dies durch Mennige unterstützt wird, wurde offenbar empirisch sehr früh erkannt. Da diese Oxydation aber über den wünschenswerten Trocknungsprozess (bei Leinöl 4-8 Tage, bei Leinölfirnis etwa 24 Stunden) hinausgehend immer weiter fortschreitet, kommt es bei älteren Anstrichen unausweichlich zur Versprödung und schließlich im Zusammenwirken mit der Verwitterung zur vollständigen Zerstörung des Anstrichsystems. Dies gilt auch für die besonders dauerhaften Leinöl/Bleiweiß-Anstriche. Sie trocknen nicht nur durch Oxydation des Leinöls, sondern auch durch andere chemischen Reaktionen. Die Olsäuren des Bindemittels verseifen mit dem basischen Pigment zu einem wetterfesten Anstrich.

Bis zur Verbreitung der Kunstharzlacksysteme im Außenanstrich, konnten die in Öl gebundenen Bleiweißpigmente (bas. Bleikarbonat), zum Teil auch in Kombination mit Zinkweiß (Zinkoxyd) ihren festen Platz behaupteten.

Ausbleibende Erneuerungsanstriche begünstigen die Einflüsse der Verwitterung. Es ist deshalb kaum vorstellbar, dass über Zeiten wirtschaftlicher Not, wie sie der Dreißigjährige Krieg mit sich brachte, an dem Holzwerk der Fassaden Hildesheimer Fachwerkbauten Farbreste erhalten blieben. Die Erfolge der gezielten Suche des Pinselvereins nach solchen Resten halten sich wohl nicht zuletzt aus diesem Grunde in engen Grenzen. Da die Suche sogar zu einem negativen Befund, einem Beweis für das Fehlen jeder farbigen Behandlung bis zum Jahre 1749 eines 1615 am Andreasplatz erbauten Hauses führte, können Stimmen laut werden, die eine Bemalung des städtischen Bürgerhauses lediglich in einem sehr beschränkten Umfange anerkennen. Sie mögen auch anführen, dass der für die Unterhaltung und Errichtung aller städtischen Bauten in Nürnberg gegen Ende des 15. Jahrhunderts verantwortliche Stadtbaumeister Endres Tucher zwar seinen Amtsnachfolgern empfahl, immer "einen zentner oder zwen leinöls" parat zu haben, aber als Verwendungszweck in erster Linie "wagenschmir und küt" (Wagenschmiere und Kitt) angab. Erst an zweiter Stelle nennt er, dass man es "auch sünst zu öltrenken und mancherlei sachen bedarf" (LEXER 1968). Die bei ihm unter Vertrag stehenden Handwerker, namentlich die Tüncher werden deshalb nicht oder nur in sehr bescheidenen Mengen dieses Leinöl zu Anstrichzwecken verwendet haben [2]. Statt das Balkenwerk mit Leinölfirnis zu tränken, zur Erzielung größerer Eindringtiefen vielleicht sogar mit heißem Firnis, wie es 1853 bei der Renovierung des Knochenhauer-Amtshauses in Hildesheim geschah, setzten sie möglicherweise vorwiegend Topfen- oder Kaseinfarbe ein, denn bei einer Anzahl von Nürnberger Baurechnungen tauchen in den Materiallisten oft größere Mengen von Milch auf: Milch, genauer gesagt Quark (Topfen), und eingesumpfter Weißkalk sind die Ausgangsstoffe für das leicht herstellbare Bindemittel Kasein. Kalkkasein ist eines jener altbekannten Malmittel, Theophilus nennt es Käseleim, das auf Holz wetterfeste Farbaufträge ermöglicht. Wenngleich ein Kaseinanstrich Holz nicht in dem Umfange gegen das Eindringen von Feuchtigkeit schützen kann, wie ein intakter Ölfarbenanstrich, muss er allein schon aufgrund theoretischer Überlegungen dauerhafter sein als dieser. Tatsächlich findet man Spuren von Kaseinfarben auf Holzwerk von Fachwerkhäusern. Hildesheim bietet darüber hinaus mit der romanischen Deckenmalerei von St. Michael ein hervorragendes Beispiel für die frühe Anwendung und lange Haltbarkeit von Kaseinfarbe auf Holz. Aber auch auf mineralischen Untergründen besitzen Kaseinanstriche ausgezeichnete maltechnische Eigenschaften. Viele der manchmal fälschlicherweise als Fresko bezeichneten Wandmalereien wurden mit Kasein gebundenen Farben ausgeführt, möglicherweise auch die einstige figürliche Bemalung des Giebelfeldes [3] und die abgesetzten Fensterfaschen (ENGEL 1970) des Tempelhauses am Hildesheimer Markplatz.

Dass man ursprünglich auf Fachwerkfassaden - und hier ist besonders an die Bildschnitzereien der Brüstungsbretter Hildesheimer Renaissancebauten zu denken - mit einer Kombination von Kasein- und Ölfarbe arbeitete, und zwar je nach verwendetem Pigment nebeneinander oder als gefirniste Kaseinbemalung (vielleicht auf Mennige- oder Bleiweißölfarbengrund) übereinander, erscheint denkbar. Verschiedene Anhaltspunkte deuten darauf. Auch der bereits erwähnte Auszug aus der Hamburger Malerordnung lässt eine solche Vorgehensweise denkbar erscheinen.

        Eine weiße Grundierung unter farbigen Lasuren auf Fachwerkhölzern erwähnt auch GRIEP (1959). Er schreibt über eine außerordentlich seltenen Fundsituation in Hornburg (nordöstlich von Goslar gelegen): Dort "wurde vor einigen Jahren eine solche farbige Fassade beim Abbruch eines jüngeren Anbaues in der Wasserstraße sichtbar. Der Anstrich mußte etwa aus der Zeit um 1600 stammen. Die Holzschnitzereien der Fassade waren hier wie ein mittelalterliches Bildwerk behandelt. Auf einem weißen Kreidegrund hatte man leuchtende Temperafarben, zum Teil lasierend,  aufgetragen. Die ganze Fassade wirkte ungewöhnlich farbig und hell. Die Haltbarkeit wird jedoch bei derartiger Behandlung nicht groß gewesen sein. Das freigelegte Haus hat unter dem Einfluß des Wetters innerhalb von drei Jahren seinen Farbüberzug fast völlig verloren." Das auf eine fundierte Dokumentation dieses bedeutungsvollen Fundes nicht verwiesen werden kann, ist gleichermaßen bedauerlich, wie der leichtfertige Umgang mit dem historischen Objekt unverantwortlich bleibt. 

Zerstörte Befunde

        Mehr oder weniger unbeabsichtigte Zerstörungen von Dokumenten einstiger Fachwerkfassadenbemalungen sind in den Zeiten intensiver Renovierungsarbeiten selbstverständlich immer wieder geschehen. Jedem Erneuerungsanstrich geht nach handwerklicher Art schließlich ein gründliches Abkratzen, Abbeizen, Abbrennen der Altanstriche voraus. Das war auch in der Ära des Pinselvereins nicht anders und deshalb wüssten wir wohl selbst dann nichts Genaueres über die einstige farbige Behandlung der Fachwerkbauten am Marktplatz, wenn sie 1945 nicht untergegangen wären. Deshalb ist zu akzeptieren, dass bei der Einführung des Begriffs Historischer Marktplatz Hildesheim sich der Prospekt des Platzes auf das 19. Jahrhundert stützt. Diese Billigung bedeutet allerdings Kapitulation gegenüber der in der Architektur zu beobachtenden Wiederbelebung des Historismus.

 

Anmerkungen

1) SAEGER (1934) schreibt, dass im Jahre 1833 bei der großen Wiederherstellung des Knochenhauer-Amtshauses der Malermeister Lohse "für die Hintergrunde der Schnitzereien Ultramarineblau, Gelb und Kasslerbraun" einsetzte.
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2) Im 15. Jahrhundert und zunehmend im 16. kommt es in Nürnberg zu Auseinandersetzungen zwischen Malern und Tünchern. 1544 konstatiert der Rat der Stadt, "... daß man den tünchern das thüren, leden und dergleichen anstreichen, als zum mahlen nit gehörig, nit weiß abzustellen ..." und in Braunschweig soll 1476 der Rat angeblich ebenfalls in solch einen Abgrenzungsstreit der Handwerker eingegriffen haben, weil Maler und Tuncher "ihre gegensätzlichen Meinungen zu sehr in der unterschiedlichen Farbwahl für den Fassadenanstrich zum Ausdruck brachten ..."
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3) Aufriß eines ehemaligen Tempelherrn-Hauses am Markt zu Hildesheim. Maßstäbliche, aquarellierte Zeichnung mit der Darstellung eines Reiterturniers (Historisches Museum Hannover).
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Anmerkungen

1) SAEGER (1934) schreibt, dass im Jahre 1833 bei der großen Wiederherstellung des Knochenhauer-Amtshauses der Malermeister Lohse "für die Hintergrunde der Schnitzereien Ultramarineblau, Gelb und Kasslerbraun" einsetzte.
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2) Im 15. Jahrhundert und zunehmend im 16. kommt es in Nürnberg zu Auseinandersetzungen zwischen Malern und Tünchern. 1544 konstatiert der Rat der Stadt, "... daß man den tünchern das thüren, leden und dergleichen anstreichen, als zum mahlen nit gehörig, nit weiß abzustellen ..." und in Braunschweig soll 1476 der Rat angeblich ebenfalls in solch einen Abgrenzungsstreit der Handwerker eingegriffen haben, weil Maler und Tuncher "ihre gegensätzlichen Meinungen zu sehr in der unterschiedlichen Farbwahl für den Fassadenanstrich zum Ausdruck brachten ..."
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3) Die Bemalung des Giebels belegt ein im Historischen Museum Hannover bewahrtes Dokument. Es zeigt unverkennbar die Front des Hildesheimer Tempelhauses mit der Schriftzeile: Aufriss eines ehemaligen Tempelherrn-Hauses am Markt zu Hildesheim. Maßstäbliche, aquarellierte Zeichnung mit der Darstellung eines Reiterturniers.
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Literaturverweise

HÖCKLIN, Hanspeter: Die Ratsapotheke zu Hildesheim als Medizinalanstalt und stadteigener Handelsbetrieb, von den ersten Nachrichten 1318 bis 1820. [Schriftenreihe des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Hildesheim, Nr. 4] Hildesheim 1970, S. 64 u. 65 

BÜHRING, Joachim: Farbuntersuchungen am ehemaligen Leist'schen Haus in Hameln, Osterstraße 9. Niedersächsische Denkmalpflege. 5 (1960-1964), Hildesheim 1965

SAEGER, Carl: Das farbige Hildesheim. In: Festschrift zum 8. Verbandstag, des Niedersächsischen Malerbundes. Hildesheim 1927, S. 17-24

SAEGER, Carl: Die farbige Behandlung unserer Hildesheimer Fachwerkbauten. Alt-Hildesheim, 13 (1934), S. 22-25

ILG Albert: Theophilus Presbyter. Schedula diversarum artium. (Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Renaissance, Bd. 7, Wien 1874) und Theobald, Wilhelm: Technik des Kunsthandwerks im zehnten Jahrhundert des Theophilus Presbyter diversarum artium schedula. Berlin 1933

BERGER, Ernst: Quellen und 7 (Technik der Fresko-, Öl und Temperamalerei des Mittelalters. (Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Maltechnik). München 1912, S. 56

GATZ, Konrad: Das deutsche Malerhandwerk zur Blütezeit der Zünfte. (Geschichte des deutschen Malerhandwerks). München und Leipzig 1936, S. 53

ENGEL, Helmut: Putz und Farbe an gotischen Massivgebäuden im südlichen Niedersachsen. Niedersächsische Denkmalpflege, Bd. 6 (1965-1969). Hildesheim 1970, S. 185 (Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 41/42)

LEXER, Matthias (Hrs.): Endres Tuchers Baumeisterbuch der Stadt Nürnberg (1464-1475). Stuttgart 1862, Neudruck: Amsterdam 1968

GRIEP, Hans-Günther: Das Bürgerhaus in Goslar. [Das deutsche Bürgerhaus, Bd. 1]. Tübingen 1959, S. 185






































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1 Pfund = 500 g = 32 Lot 

1 Lot ~ 15-16 g




















































































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