impressum  Blatt 009

ROLF SCHULTE hildesheimer miszellen

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 Eine ägyptische Statue mit antiker Restaurierung

Anlässlich einer Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum erfolgten 1987 Untersuchungen an Fragmenten einer Königsstatue des Thutmosis III.1)  Dabei zeigte sich die Notwendigkeit, die in einer Aussparung der Kalksteinstatue  verbliebenen Holzreste neu zu bewerten.
1907 entdeckte eine britische Expedition in Theben-West den oberen Teil einer Königsstaue. Aus kristallinem weißen Kalkstein fein gearbeitet, mit gelb und blau bemaltem Kopftuch und dem typischen Königsbart, handelte es sich um einen Fund von hoher Qualität. Allerdings fehlten große Partien der Statue, nämlich alles unterhalb der Brust und, besonders bedauerlich, auch das gesamte Gesicht. Es war offenbar entlang einer natürlichen Störung der Gesteinsstruktur abgeplatzt.  
Rund 70 Jahre später fanden polnische Archäologen im Bereich des Tempels Mentuhotep II. (11. Dyn.) in Deir el-Bahari (Theben-West) weitere Statuenfragmente, darunter auch solche, die dem Torso von 1907 zugeordnet werden konnten, darunter auch das Antlitz der Königsstatue.
Die Statue stellt Thutmosis III. fast lebensgroß, schreitend und mit ausgestreckten Händen dar.
thutBackFace
Backface Thutmosis III.
New York 07.230.3-1907,

Thutmosis III. regierte als 6. König der 18.
Dynastie von etwa 1450 bis 1420 v.Chr.
Das Metropolitan Museum of Art New York kam durch Ankauf in den Besitz des Statuenoberteils (Inv.Nr. 07.230.3 - 1907). Das Gesicht verwahrt das Ägyptische Museum Kairo unter der Inventarnummer JE 90237. Diese beiden Teile an einem Ort, nämlich in Hildesheim zusammenzuführen, und sei es nur für die Dauer der Ausstellung 'Ägyptens Aufstieg zur Weltmacht', gelang Dr. Arne Eggebrecht, dem Direktor des Roemer- und Pelizaeus-Museums, nach langwierigen Verhandlungen im Jahre 1987.
Somit konnten erstmals nach der Zerstörung der Statue, Ägyptologen und Museumsbesucher den Kopf der Statue in seiner Gesamtheit betrachten.
face
Face Thutmosis III.
Kairo JE 90237
Die beiden hier angesprochenen Fragmente weisen antike Bohrlöcher und andere Besonderheiten im Scheitelbereich auf, und zwar jeweils in unmittelbarer Nähe der gemeinsamen Bruchlinie. Ausgräber und Ägyptologen lieferten dazu folgende Hypothese:  
Der Kalksteinstatue trug einst ein hölzernes Attribut, eine Atefkrone vielleicht, durch Zapfenverbindung am Kopf befestigt. Dafür sprechen Holzreste, die in einem der im Stein eingearbeiteten Vertiefung.
Möglicherweise habe ein gewaltsames Herunterreißen oder zerstörerisches Abschlagen der Krone zum Abplatzen des Gesichts geführt.
Atefkrone
Herrscher mit Königskopftuch und Atef-Krone,
Darstellung auf einem Ostrakon
Der direkte Kontakt mit den Exponaten - eine faszinierende Situation, die ich als Ausstellungsgestalter erleben durfte - erlaubt mir, die aus Kairo und New York in Hildesheim eintreffenden Statuenfragmente Thutmosis III. eingehend zu betrachten. Insbesondere auch hinsichtlich des mutmaßlichen hölzernen Aufsatzes, von dem ein abgebrochenes Stückchen noch immer in einem der Zapfenlöcher steckte.


Dabei zeigte sich:
  • Die beiden Fragmente besitzen im Bereich des sich vom Scheitel zur Stirn schlängelnden Uräus und unmittelbar an ihrer gemeinsamen Bruchstelle jeweils Bohrungen sowie eine diese Löcher verbindende Vertiefung. Letztere bildet einen Kanal von knapp einem Zentimeter Breite und Tiefe. Er verläuft rechtwinklig über die Bruchlinie und endet jeweils in einem Bohrloch. In der ausgearbeiteten Vertiefung (Loch und Kanal) des größeren Kalksteinfragments steckt der abgebrochene Rest eines sorgfältig eingepassten Holzteils. Erhaltene Harzreste in der Vertiefung des Gesichtfragments zeigen, dass das Holz ursprünglich bis dort hinüber reichte und eingeklebt war.  
  • Beim Bohren, bzw. Meißeln der Vertiefung und beim Einpassen des Holzes wurde der  Körper der Uräus-Schlange zerschnitten.
  • Das aufwendige Bearbeiten des Kalksteins (Bohren von zwei Löchern und Meißeln des verbindenden Kanals) und das Einpassen des Holzteils wären zur Befestigung eines Statuenaufsatzes handwerklich äußerst uneffektiv gewesen, denn dafür hätte ein einfaches Bohrloch mit rundem Zapfen ausgereicht. Allerdings, so könnte man entgegnen, wäre die Befestigung des Aufsatzes nicht optimal, nämlich nicht gegen ein Verdrehen gesichert. Einen solchem Nachteil zu umgehen, hätten dem ägyptischen Handwerker aber unzweifelhaft mehrere einfachen Vorgehensweisen zur Verfügung gestanden - auf die hier nicht näher eingegangen zu werden braucht, weil sie, abgesehen von einer Fixierung mittels Harz, mit dem Befund nicht in Einklang zu bringen sind. face/backface
  • Die glatte obere Seite des im Stein steckenden Holzes lässt eine Interpretation als Bruchstelle nicht zu, denn seine Fasern verlaufen in Längsrichtung des eingeklebten Holzteils (bezogen auf die den Körper der Statue transversal). Eine Atefkrone ist hoch, oft auch weit ausladend. Aus Holz geschnitzter Aufsatz dürfte sie vernünftiger Weise aus einem Brett (nicht etwa aus einem Holzklotz) hergestellt worden sein. Bei handwerkgerechter Ausführung müßte die Holzfaser in Längsrichtung, longitudinal zur Statue verlaufen, also genau rechtwinklig zum Befund. 
  • Aus handwerklicher Sicht ist deshalb auszuschließen, dass das im Stein steckende Holzteil einem über den Kopf der Statue hinausragenden Schnitzwerk angehörte.
 
Das im Kalkstein steckenden Holzstück als abgebrochenen Rest eines Zapfens eines Kopfaufsatzes zu erklären, läßt sich also nicht aufrechterhalten. Neben technischen Ungereimtheiten, treten zumindest für den Nichtägyptologen weitere Schwierigkeiten auf,  wie zum Beispiel  das Auffinden von Darstellungen, die Thutmosis III. zugleich mit Königskopftuch und Atefkrone zeigen.
Darüber hinaus befremdet die Vorstellung, dass bei den Ägyptern kein Skrupel bestanden haben sollte, den sich über den sich über den Statuenkopf schlängelnden Leib des Uräus durchzutrennen. Wenn es richtig sein sollte, das damit nach ägyptischer Vorstellung die Schutzwirkung (Symbolkraft) verloren ging, hatte der ausführende Bildhauer (Holzschnitzer) durch eine andere Formgebung des hypothetischen Zapfens das zunichte machen der Symbolkraft des Uräus erreichen können. Auch auf diesem Feld hält die Zapfenhypothese der Kritik nicht stand.

Löst man sich jedoch von dem alten Erklärungsversuch, betrachtet das erhaltenen Holzteil also nicht als abgebrochen Rest eines Attributs, und das Abspalten des Gesichts vom Statuenkopf folglich auch nicht durch ein gewaltsames räuberisches Herunterreißen der womöglich Gold verzierten Atefkrone, so drängt sich folgende Überlegung in den Vordergrund:
  • Das sauber gearbeitet und in den Stein eingepasste Holzteil (A) diente, entsprechend der Schemazeichnung, einer Verklammerung, zur Sicherung einer drohenden Abspaltung von Gesicht (B) und Kopf (C). Wir haben es sehr wahrscheinlich mit einer Maßnahme zu tun, die dem Erhalt der Statue dienen sollte. 
ReliefThutmosisIII, RPMuseum
Relief Opfernder König, Thutmosis I. ?, mit Helm und Atefkrone
(Pelizaeus-Museum Hi., Inv. Nr. 4538)




VerbindungsSchema
Schema der Verbindung von Face  (B)  und Backface (C)  mittels eines Holzteils (A)

Anmerkungen:
1) Thutmosis III. regierte als 6. König der 18. Dynastie von etwa 1450 bis 1420 v.Chr.




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Dipl. Des. Rolf Schulte


26.Jun.2007