Impressum

Blatt 012

ROLF SCHULTE hildesheimer miszellen

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Schreibheft des Heinrich Kuhrmeier aus Groß Himstedt 
 Beschreibung    Biografisches    Transkription 

Aus dem Nachlass der Familie Miehe, Groß Himstedt, stammt ein Schreibheft des 14-jährigen Konfirmanden Heinrich Kuhrmeier aus dem Jahre 1878. Heft und  Transkription wurden am 14. 11.208 dem Himstedter Ortsheimatpfleger Heinrich Hoppe zur Bewahrung übergeben.

Beschreibung

Im Format 17x 21 cm, sind 11 unlinierte Bogen gefaltet und geheftet (insges. 44 Seiten). Der Schmuckumschlag besteht aus geprägtem Lackpapier, ist rosenholzfarben und durch erhabene goldene Rahmenornamente gekennzeichnet. Auf dem Mittelfeld des Frontdeckels ist in unterschiedlichen Schriftarten, ebenfalls golden, aber nicht geprägt, zu lesen: Arbeit wird Dir Freude geben und erleichtern Dir das Leben. Der Rückendeckel zeigt im Mittelfeld ein Blumenbukett in Fünffarbdruck auf chreme-weißen Grund.

Kalenderblatt
Heftdeckel , Rücken- und  Frontansicht

Biografisches

Heinrich Kuhrmeier wurde am 26.10.1862 geboren, sicherlich in Groß Himstedt. Dort übernahm er den elterlichen Hof, den seine Tochter Helene (*06.10.1913, +27.07.2008) mit ihrem Ehenmann Albert Miehe (*23.05.09, +29.01.1983) bewirtschafteten und 1978 an ihren Sohn Günther Miehe übertrugen. 

Transkription

Der Inhalt des Schreibhefts wird im Folgenden durch eine buchstabengetreue Transkription wiedergegeben. Groß- und Kleinschreibung, sowie Satzzeichen entsprechen der Quelle, Zeilenumbrüche nur soweit es sinnvoll erschien . Im Dokument durch Unterstreichung oder Schriftart Hervorgehobenes ist hier fett (Überschriften).Bei den Brieftexten sind die Formate von Anrede- und Abchluß-Zeilen nicht übernommen. Statt [sic] (so steht es geschrieben) ist [!] benutzt.

aufgeschlagenes Heft
Aufgeschlagenes Heft
[1] Heinrich Kuhrmeier aus Gr. Himstedt geboren den 26ten October 1863 confirmiert den 28ten April 1878.
Ev. Joh. 15,10.11
Gesang 466

[2, Leerseite]
Titelseite
Seite 1, obere Hälfte

[3] Dieses Buch giebt mir eine Erinnerung an meine Schuljahre, und besonders an die heilige und feierliche Religionshandlung der Confirmation. Es enthält ein Probe meines Fleißes, den ich auf die edle Kunst des Schreibens verwandt habe; es ruft eine, wenn ich es später zur Hand nehme, so manchen lehrreichen Ausspruch, Denkvers und dergleichen ins Gedächtniß zurück und giebt mir Anleitung wie ich Briefe und Quittungen einzurichten habe. 
Darum will ich es in Ehren halten, es sorgfältig aufbewahren und es so benutzen, daß die gute Absicht meines Lehrers auch in diesem Stücke an mir erreicht werde

[4, Leerseite]

[5] Das walte Gott! 
Das walte Gott, der helfen kann!

Mit Gott fing ich die Arbeit an,
Mit Gott nur gehet es glücklich fort;
Drum ist auch dies mein erstes Wort.
Das walte Gott!

All mein Beginnen, Thun und Werk
erfordert Gottes Kraft und Stärk
Mein Herz sucht Gottes Augenlicht,
Drum auch mein Mund mit Freude spricht:
Das walte Gott!

Er kann mich segnen früh und spat
bis all mein Thun ein Ende hat;
Er giebt und nimmt, wacht wie er will,
Drum sprech ich auch fein in der Still:
Das walte Gott!

[6] Unerfahrne Jugend, höre
Und behalte diese Lehre:
Handle nie mit Unbedacht!
Leichtsinn stürzet in Gefahren;
Willst du dich davor bewahren,
Handle immer mit Bedacht!

Hüte dich vor allem Dünkel,
Bann ihn aus dem kleinsten Winkel
Deines Herzens, diesen Feind. -
Leichtsinn raubt Unschuld und Tugend,
Stört den Frohsinn deiner Jugend,
Reuevoll wird dann geweint.

Vorgethan und nachbedacht
Hat Manchen in gross Leid gebracht.

[7] Viersilbige Charade.
Leise senken sich die ersten nieder,
Ruh und Frieden bringen sie der Welt,
Was ermattet war, erstarket wieder
Unter ihrem sterngeschmückten Zelt.

Will im Sturm der Zweig der Hoffnung brechen,
Will das Schicksal rauben Freud und Lust;
O, dann mußt du meine letzten sprechen,
und du fühlest Trost in deiner Brust.

Mit dem Ganzen leg zum Schlaf dich nieder,
Wenn das Tagewerk du treu vollbracht;
Frieden streut es auf die Augenlieder
Und du athmest sanfte Ruh der Nacht!


Die Auflösung der Scharade ist mir bisher noch nicht gelungen. Ich tippe auf Abend- oder Himmelslichter, auf Nachtlicht vielleicht.
Bessere Lösungsvorschläge sind mir willkommen.


[8] Abendlied.
Müde bin ich geh zur Ruh,
schliesse beide Augen zu;
Vater lass die Augen dein
über meinem Bette sein.

Hab ich Unrecht heut gethan,
Sieh es lieber Gott, nicht an;
Mache du durch Jese Blut
Gnädig allen Schaden gut.

Nasse Augen trockne du,
Kranke Herzen heile du
Alle Kindlein, bloss und arm,
Bette du sie weich und warm.

Alle, die uns sind verwandt,
Herr, lass ruhn in deiner Hand;
Alle Menschen, gross und klein,

[9]    Gebet am Sonntag-Morgen.
Seid willkommen, heilge Feierstunden!
Sollen dir befohlen sein!
Sei willkommen, erster Stundenschlag
Anzubeten vor dem Weltenvater,
Ruft uns dieser heilge Ruhetag.
Ruhe herrscht, Sabbathsstille wehet;
Gott, die Schöpfung feiert deinen Ruhm.
Glocken tönen, Christenschaaren wallen,
Anzubeten, in dein Heiligthum.
Segne sie, du kennest ihre Herzen,
Leite sie zum wahren Guten hin!
Ihr Gesang sei Harmonie der Seele,
Ihr Gelübde sei ein reiner Sinn.

Besser werden ist der Zweck des Lebens,
Vater, dazu leitet deine Hand;
O, so biete Weisheit sich und Tugend
Unter Menschen überall die Hand!
Eine wahre Freude blüht hinieden:
[10] Selig sind, die reines Herzens sind!
Diese bleibt, wenn der Staub im Grabe,
Wie der Sand im Stundenglas zerrinnt.
Wie ein Kind will ich dir, Vater, trauen,
Dir, der ewig Welt und Zeit regiert,
Der mich auf die Lebensreise sandte,
Und mich nie aus seinem Blick verliert.
Fröhlich will ich meinen Lauf vollenden,
Du bist nah, es gehe, wie es geh;
Mutig greif ich nach dem Wanderstabe,
Soll mich leiden; - Herr, dein Will gescheh.
Sollte ich mein Schicksal selber wählen;
O,ich hätte weder Lust noch Muth;
Aber du, der in die Zukunft blicket,
Was du ordnest, das ist schön und gut.
Ja du sorgst für Millionen Welten,
Sorgst für meinen kurzen Lebenstag;
Darum sorg ich nur für Eins hienieden:
[11] Wie ich täglich weiser werden mag.
Ach, verleihe mir und allen Menschen,
Denn wir alle sind ja ewig Dein,
Allen gieb, so weit die Sonne leuchtet,
Fromm und gut in deinem Geist zu sein.
Gieb uns Tugend, die das Herz erfreut,
Gieb uns Wahrheit, die uns glücklich macht;
Und das Reich der Finsterniß vergehe,
Es vergeh des Irrthums und der Sünde Macht.
Dir geheiligt sei denn unser Leben
Unser Wandel sei verklärt und rein;
So wird einst, wie diese Sontagsstille,
Unser Ende sanft und selig sein! Amen.

[12]  Das Kind und die Bibel.
Die Bibel ist ein heiliges Buch : es steht vom lieben Gott darin, und wer es liest mit frommen Sinn, dem bringt es Fried und Glück genug. Es steht darin von Jesum Christ, wie er vom Himmel kommen war, und Guts gethan und immerdar so lieb und fromm gewesen ist. Und auch vom Himmel steht darin, wie ich hinein einst kommen kann; und Gott zum Kinde nimmt mich an, wenn ich einmal gestorben bin. O, Meine Mutter hilf du mir,
[13] Kind, da hast du kleine Sätze, achte sie als goldne Schätze!
1.Wer etwas kann, den hält man werth; den Ungeschickten niemand begehrt.
2.Denkst du dein Alter hoch zu bringen; so halte Maß in allen Dingen.
3.Geh treu und redlich durch die Welt, das ist das beste Reisegeld.
4.Verträglichkeit erwirbt die Freunde; der Zänker macht sich viele Feinde.
5.Wer einmal lügt, den[!] glaubt nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.
6.Reinlichkeit und gute Sitten sind bei Allen wohl gelitten.
[14] 7.Heute wie die Rose roth; morgen krank, ja wohl gar todt.
8.Den Geschickten hält man werth, den Ungeschickten niemand begehrt.
9.Die Ordnung nützt in allen Sachen; sie kann dich frei und glücklich machen.
10. Zum Glauben ist der Mensch erkoren; wer glaubt und thut ist nicht verloren.
11.Sei muthvoll, dreist und ohne Schrecken; so wirst du manchen Trug entdecken.
12. Sei liebevoll, thu deine Pflicht, erbittre und verläumde nicht.
13. Von deinen Sachen, deinen Pflichten sollst du dich täglich unterrichten.
14. Es komme dir von Neuen oder Alten: ist es nur gut, so sollst du es behalten.
15. Baust du Schlösser dir in die Luft, gräbst du deinem Glück die Gruft.

[15] Anweisung für junge Leute zu einem anständigen und sittsamen, gefälligen Betragen in jedem Verhältniß des menschlichen Lebens.
Die Höflichkeit ist eine Tugend, wodurch man sich die Liebe und Gewogenheit seiner Nebenmenschen erwerben kann. Sittlichkeit und Bescheidenheit sind die Grundlagen der Höflichkeit; wer nicht diese hat und sich von Stolz und Eigendünkel einnehmen läßt, wird zu wahrer Höflichkeit nie gelangen. Die Höflichkeit können wir übrigens auch ein gefälliges Wesen nennen; denn wir wollen durch sie gefallen. Wir müssen also auf uns und Andere Acht geben, ob sie an uns und wir an ihnen Gefallen finden, oder ob sie beleidigen und ihr Mißfallen erregen; und müssen uns solche Personen zum Muster nehmen und denen nachahmen, die durch artiges, [16] gefälliges, freundliches Wesen beliebt sind und überall gern gesehen werden. Man nennt nun das äußere Betragen und Benehmen der Menschen ihre Sitten, und diejenigen, welche feine, artige Sitten haben, wohlgesittet. Glücklich sind die Kinder, frühzeitig zu guten Sitten angehalten und gewöhnt werden! - Manches Kind ist aber nicht so glücklich, daß es von seinen Eltern zu einem gesitteten Betragen angehalten wird; ein solches muß sich später dazu gewöhnen und folgende Regeln kennen lernen und befolgen:
1.Lebe mit Jedermann so viel möglich in Frieden und sei überall bescheiden und demüthig; erweise auch jedem so viel du kannst, Dienst und Gefälligkeiten.
2.Bei fremden Leuten sei aufmerksam und vorsichtig, munter aber doch anständig, und wenn du gefragt wirst, so antworte deutlich und artig.
3.Gewöhne dich in allen Dingen, im Aufstehen, [17] im Anziehen, im Arbeiten, im Essen und Trinken u.s.w. an eine gewisse Ordnung; laß auch deine Bücher, Kleidungsstücke und ander Sachen nicht zerstreut umher liegen.
4.Behorche niemanden an der Thür, laufe auch nicht gleich hinein, sondern klopfe bescheiden an und tritt nicht eher ein, bis herein gesagt wird, alsdann grüße freundlich und sage deutlich, was du zu bestellen hast; wirf auch die Thür nicht heftig zu.
5.Kommt ein Fremder oder ein guter Freund zu dir, so bezeige dich höflich und freundlich gegen ihn, biete ihm einen Stuhl und mache ihm den Aufenthalt bei dir so angenehm wie möglich.
6.Gewöhne dich beim Niesen, Husten, Nasewischen, Ausspeien und Gähnen an Wohlanständigkeit. Zum Reigen der Nase bediene man sich eines Taschentuchs und beim Niesen und Husten drehe man sich abwärts und beim Gähnen thut man die Hand vor [18] dem Mund.
7.Im Lachen sei nicht überlaut, lache auch nicht über alles, am allerwenigsten über Anderer lose Händel und Narrenhteidinge, die sich nicht geziemen.
8.Beweise dich überall schamhaft und keusch in deinen Mienen, Reden und Handlungen. Anständige Scherze dagegen sind nur erlaubt, sondern sind zu empfehlen, weil sie zur anständigen Erheiterung dienen.
9.Habe keinen Gefallen an rohem Muthwillen und an frechen, lärmenden Spielen; hetze niemanden zu Zanke und Streite an und verweile da nicht gern, wo sich Leute zanken oder schlagen oder andere Bosheiten treiben. Beim Tanzen stelle dich nicht ausgefallen und wild, sondern sei mäßig, vorsichtig und sittsam. Eine wahre Bauernroheit ist es, beim Tanze zu rauchen.
10. Wenn dir ein alter oder vornehmer Mensch begegnet, so weiche ihm zeitig aus, nimm deinen Hut oder deine Mütze ab, und grüße ihn höflich und freundlich. Warte aber mit deinen Höflichkeitserweisungen nicht so lange, bis jener schon völlig neben dir oder gar schon vorüber gegangen ist, sondern komm ihm zuvor und beweisen ihm deine Ehrerbietung, wenn du auch noch einige Schritte von ihm entfernt bist.
11. Wenn Andere mit einander sprechen, so falle keinem in die Rede; auch hüte dich, Anderen immer zu widersprechen und alles besser wissen zu wollen. In Gesellschaft älterer Personen müssen junge Leute nur dann reden, wenn sie dazu aufgefordert werden, dann aber auch nicht ängstlich reden, sondern dreist und doch bescheiden.
12. Beim Essen an fremden Tischen richte man sich genau nach solchen Personen, von denen man weiß, [20] daß sie die Regeln der Höflichkeit und Wohlanstän-[digkeit] kennen und beobachten, sonst macht man sich leicht lächerlich oder gesitteten Leuten widerlich.
Man sei z.B. nicht zudringlich, also nicht der Erste, der sich an den Tisch setzt, sondern man wartet, bis die ältern oder vornehmeren Leute sich gesetzt haben, und dann nehme man den Platz, der einem angewiesen wird. Man lange nicht zuerst zu, sondern halt sich bescheiden zurück, nehme nicht zu große Portionen, lecke nicht an den Fingern, nehme nicht Salz oder dergleichen mit den Fingern, sondern mit der Messerspitze, huste nicht über den Tisch hin, halte beim Niesen das Gesicht vom Tische weg und schnaube sich nicht anders aus als ins Taschentuch. Will man sich etwas geben oder reichen lassen, so bitte man höflich darum, und hat man es erhalten, so danke man freundlich dafür. Besonders zeige [21] man sich mäßig und genügsam, dadurch erwirbt man sich Achtung und Liebe.
Wer ein gesittetes und gefälliges Betragen sich zu eigen machen will, der merke sich die vorstehenden Regeln, achte aber genau darauf, wie sich gesittete und gebildete Personen betragen und ahme ihnen nach.
Nicht mürrisch, finster, ungesellig
Ist, wer ein Christ zu seyn sich freut;
Ist ohne Schmeichelei gefällig,
Vereinigt Ernst mit Freundlichkeit;
Und was er sagt und was er thut
Ist anmuthsvoll, ist wahr und gut.

Aus dem freundlichen Gemüthe
Sproßt des Lebens schönste Blüthe,
Lieb in jedem Wirkungskreise,
Anmuth in der Sitt und Weise.
[22] Von dem rechten Verhalten in der Kirche beim Gottesdienste.
1.Wenn man zur Kirche gehen will, so kleide man sich sauber und ordentlich an und mach sich bei Zeiten auf den Weg, damit man früh genug an seinem Platze ist.
2.Ist man dort angekommen, so bete man in stiller Andacht und setze sich bescheiden nieder, so daß man durch kein Geräusch auffallend wird.
3.Bei dem Singen siehe man nicht die Andern zu überschreien, sondern man singe mit Andacht und merke auf die Melodie.
4.Wenn Abschnitte aus der Bibel vorgelesen werden, so steht man aus Ehrfurcht gegen das göttliche Wort auf und setzt sich erst nach beendigten Vorlesen wieder nieder und vermeidet hierbei alles Geräusch.
5.Der Predigt und Katechismuslehre, so wie allen sonstigen Vorträgen hört man aufmerksam zu. Schlafen, [23] Umhergaffen, Plaudern u. drgl. muß man sorgfältig vermeiden.
6.Wenn der Name Jesus genannt wird, so macht man eine anständige Verbeugung zum Zeichen der Verehrung, welche wir unserm Erlöser schuldig sind.
7.Man lasse die Gelegenheiten nicht unbenutzt, welche in der Kirche zu mildtätigen Handlungen sich darbieten. Eine solche Gabe in den Armenstock oder in die Kirchenbecken macht nicht ärmer und fördert den Segen des Kirchenbesuchs.
8.Wenn die Predigt zu Ende ist, so laufe man nicht gleich fort, sondern warte erst noch den Gesang und den Segen ab und verlasse dann die Kirche ruhig und mit andächtigem Gebet.
9.Bei Segensprechen steht man ehrerbietig auf und verneigt sich gegen den Namen des Herrn.

[24] Der Sonntag
Gott im Himmel hat gesprochen. Sieben Tag' sind in der Wochen; sechs davon will ich euch geben, schaffet da, was noth zum Leben; doch der Sonntag bleibe mein. Da will ich euch unterweisen, mir zu dienen, mich zu preisen, gut und fromm vor mir zu sein. Liebes Kind, vergiss es nicht, was der Herr vom Sonntag spricht.
Ausser dem Sonntage feiern wir noch mehrere Festtage, die wir in Hauptfeste und Nebenfeste, auch wohl in bewegliche und unbeweglich Feste eintheilen. Auch werden einige Buss- und Bettage gefeiert. Welches ist der Zweck dieser Tage?

[25] Du sollst den Feiertag heiligen!
Den Höchsten zu verehren,
Sei Freude mir und Pflicht;
Und Gottes Wort zu hören,
Stör' mich die Weltlust nicht.
Kein Tag geh mir vorüber,
Der Gott nicht wohlgefällt;
Die Tugend sei mir lieber
Als alles Glück der Welt.

In meinem ganzen Leben,
Sei mir Gott ehren Pflicht!
Dem Schöpfer sich ergeben,
Mehr Würde hat man nicht.
Laß mich, Herr meines Lebens,
Der Tugend stets mich weihn;
Dann leb' ich nicht vergebens
Bin werth, ein Mensch zu sein.

[26] Die Höflichkeit ist eine Tugend, wodurch man sich die Liebe und Gewogenheit seiner Nebenmenschen erwerben kann. Sittlichkeit und Bescheidenheit sind die Grundlagen der Höflichkeit; wer jene aus den Augen setzt und sich von Stolz und Eigendünkel einnehmen lässt, wird diese nicht erlangen. Glücklich sind diejenigen Kinder, die frühzeitig zu guten Sitten angehalten werden. Der Ungezogene beleidigt Andere durch ungesittetes, grobes Betragen, weil er gegen ihre Achtung und Liebe gleichgültig ist, und auf keine Ehre hält.

[27] Rechtschreibung oder Orthographie.
Merke und beachte folgende Regeln:
1.Richte dich nach der richtigen Aussprache der Wörter, buchstabiere also richtig.
2.Richte dich nach der Abstammung der Wörter. Hat das Stammwort ein a, so hat das abgeleitete Wort ein ä; hat das Stammwort ein o, so hat das abgeleitete Wort ein ö; hat das Stammwort ein u, so hat das abgeleitete Wort ein ü.
3.Richte dich nach der Verlängerung der Wörter, dadurch erfährt man, was für Buchstaben man am Ende des Worts zu setzen hat; z.B. heilig mit g, weil in der Verlängerung heilige auch ein g und kein ch gehört wird. [In Bleistift: überzähliges n in Verlängerung gestrichen, heilige in Anführungszeichen gesetzt.]
4.Richte dich nach dem allgemeinen Schreibgebrauche, und den lernt man kennen aus den Büchern und andern guten Schriften.
 
[28] Merke und beachte auch noch folgende Regeln
1. Einen großen Anfangsbuchstaben setze
a. beim Anfange eines jeden Schreibens,b. bei einem jeden Hauptworte,
c. nach einem jeden Schlußpunkte, Frage- und Ausrufungszeichen; wenn letztere eben so viel gelten, wie ein Punktum.
d. bei jeder wörtlich angeführter Rede eine Andern.
e. bei jedem Anredeworte in Briefen, d.h. bei jedem persönlichen Fürworte, womit die Person gemeint wird, an welche man schreibt,
f. bei jeder neuen Zeile eines Gedichts, wenn man dasselbe reimweisen schreibt.
2.Nach einem geschärften oder kurzen einfachen Selbstlaut folgt ein doppelter Mitlaut; z.B. Backe, Blitz, hofft u.s.w.
3.ein „s“ [langes S] steht am Anfange, ein „s“ [Schluß-S] aber am [29] Ende eines Wortes oder einer Silbe, das „ß“ steht am Ende eines Wortes, welches in der Verlängerung ein ss [doppeltes langes S] hat, z.B. muß, müssen, Haß, hassen.
4.unterscheide das und daß! Man schreibt das, wenn es ein Geschlechts oder Fürwort ist, oder man dasselbe mit dieses und jenes verwechseln kann; daß aber, wenn es ein Bindewort ist.
5.unterscheide wieder ind wider! Wieder bedeutet so viel als noch einmal, z.B. er kommt wieder; er thut das schon wieder. Wider bedeutet so viel als gegen z.B. Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich.
6.unterscheide für und vor! Für zeigt eine Stellvertretung und Zueignung an; vor aber einen Ort oder auch eine Zeit.

Von den Schreib- und Lesezeichen. (Interpunction.[ ) ]
1.Wo setzt man ein Komma?
Ein Komma setzt man [30]
a. Zwischen mehrere einander folgende Haupt- Beschaffenheits- Zahl und Zeitwörtern, wofern[!] sie zu demselben Satze gehören, z.B. Vater, Mutter, Bruder, Schwester und auch sogar mein alter Onkel sind verreist.- Die lernbegierigen, artigen bescheidenen und folgsamen Schüler machen dem Lehrer große Freude. -
Er zählte: eins, zwei, drei, vier, fünf! -
Ein Landmann muß pflügen, eggen, walzen, säen, fahren, dröschen u.m.a.
b. Fast alle Bindewörter, mit Ausnahme des Wortes und; z.B. Ich werde kommen, wenn ich munter bleibe, oder du kannst wohl, aber du willst nicht! -
c. vor und hinter einen jeden Zwischensatz, der zur Erläuterung oder Vergleichung, oder näheren Bezeichnung eingeschaltet wird; z.B. Joseph, des Erzvaters Jakobs Sohn, hatte wunderbar wechselnde Schicksale. Das Pferd, welches ich vor [31] 14 Tagen gekauft habe, ist bedenklich krank.
d. zwischen die einzelnen Glieder eines größeren Satzes; z.B. Was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet; ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach!
e. vor alle beziehenden Fürwörter.
2. Wo setzt man ein Semikolon?
Ein Semikolon steht zwischen 2 Hauptsätzen, die dem Sinn nach zusammen gehören; z.B. Getheilte Freud ist doppelt Freude; getheilter Schmerz ist halber Schmerz. Auch vor einem Nachsatz setzt man ein Semikolon.
3. Wo setzt man ein Kolon oder Doppelpunkt?
Für Kolon oder Doppelpunkt setzt man
a. wenn man ankündigt, etwas folgen soll; z.B. Zu Nachlasse gehören folgende Immobilien: Ein Wohnhaus pp. Pilatus aber sprach: Bist du der Juden König?
b. in einer Periode vor dem Nachsatze. [32]
4. Wo setzt man ein Fragezeichen?
Ein Fragezeichen setzt man
a. nach einem jeden Fragesatze; z.B. Was nennen wir Pflicht?
b. an Stellen, wo man sein Bedenken hat, und man denkt: Sollte das wol wahr sein?
5. Wo setzt man ein Ausrufungszeichen?
Ein Ausrufungszeichen setzt man
a. hinter jeden Bitt- Wunsch- oder Befehlsatz. z.B. Komm, und hilf mir! - O- hätte ich doch meine Gesundheit erst wieder! -
Setze dich sofort hin und rechne die Aufgabe!
b. nach den Empfindungs und Schallwörtern z.B. Ach! O! Pfui! Hm! Hoho! Trara!
c. nach der Anrede beim Anfange eines Briefes; z.B. Hochgeehrter Herr! - Lieber Freund! - Bester Bruder! - [33]
6. Wo muß ein Schlußpunkt stehen?
Einen Schlußpunkt setzt man
a. nach einem jeden vollendeten Aussage oder Erzählungssatze; z.B. Tugend hat eine ewige Jugend.
b. bei Abkürzungen oder Abbreviaturen, wo sie dann aber Ergänzungszeichen genannt werden müssen; z.B. Jan. und Febr. sind Winterm.
7. Wo setzt man einen Gedankenstrich?
Einen Gedankenstrich setzt man
a. wo man wünscht, daß das Gelesene wohl bedacht und erwogen werde,
b. da, wo man ein Wort oder eine Bemerkung ausgelassen, die der Leser selbst hinzudenken soll.
8. Wo setzt man ein Verbindungszeichen?
Ein Bindzeichen setzt man, a. wo man Wörter nach ihren Silben trennen und doch wieder verbinden will, [34]
b. wo man zusammengesetzte und lange Hauptwörter zur bessern Übersicht trennen und doch auch wieder verbinden will; z.B. Grundsteuer-Mutterrolle. Wegbau-Inspector.
9. Wo setzt man ein Klammer oder Parenthese?
Da, wo man zum bessern Verstehen etwas anmerkt.

Es schrieb ein Mann an eine Wand
zehn Finger hab ich an jeder Hand fünfundzwanzig an Händen und Füßen
Wer dieses recht haben will muß die Lesezeichen zu setzen wissen.
Also:
Es schrieb ein Mann an eine Wand:
10 Finger hab ich; an jeder Hand fünf, und zwanzig an Händn und Füßen.
[35]                                     Viel geliebte Eltern!
Durch Eure liebevolle Fürsorge bin ich nun unter Gottes gnädigen Beistande soweit gekommen, daß ich meinen Taufbund erneuern und bestätigen kann. O, wie sollte ich Euch nicht danken für die vielen Wohlthaten, die Ihr mir in den durchlebten Jahren erwiesen habt? - Ihr habt nicht nur für mein leibliches Wohl gesorgt; nein, Ihr habt dadurch, daß Ihr mich gehörig zur Schule gehalten habt, auch für mein geistiges Wohl, für das Heil meiner unsterblichen Seele gesorgt! Gott vergelte Euch reichlich alle Eure Sorgfalt und Treue und schenke mir Kraft und Beistand, daß ich mich zeitlebens beweisen möge als
Euer
dankbarer Sohn
August Weber  
Gr. Himstedt
den 5ten April 1867   


Die Formatierung 
der Anrede-  und  Schlußzeilen kann hier nur annähernd wiedergegeben werden.
[36] Lieber Herr Vetter!
Durch diesen kleinen Brief benachrichtige ich Sie, daß künftigen Sonntag die Konfirmation der Kinder in unserer Kirche vorgenommen werden soll. Da ich nun auch mit confirmirt werde, so wünschen meine Eltern sowohl als ich, daß Sie an diesem festlichen Tage uns mit Ihrem Besuche erfreuen möchten. Ist es daher irgend möglich, so sind Sie gewiß so gütig, unsern Wunsch zu erfüllen.
Hierum recht herzlich bittend, sage ich die herzlichsten Grüße von meinen Eltern und bin stets
Ihre ergebenste Anna Schlüter
Kl. Himstedt,  
den 3ten April 1867.   

Die Formatierung 
der Anrede-  und  Schlußzeilen blieb hier und in den folgenden Brieftesten weitgehend  unberücksichtig.
[37] Best Minna!
Künftigen Sonntag werde ich, so Gott will, sehr heiligen Confirmation gelangen. Schon lange hast Du mir versprochen, bei dieser Feier zugegen sein zu wollen. Darum schreibe ich Dir diese Zeilen, um Dich früh genug davon zu benachrichtigen und Dich nochmals einzuladen. Sollte es recht gutes Wetter werden, und Deine lieben Eltern fänden Vergnügen, auch mit zu kommen, so würde das mir und meinen Eltern eine große Freude sein.
Es erwartet Euch sehnsuchtsvoll Deine treue Freundinn Anna Schlüter
Kl. Himstedt,   
den 3ten April 1867    


[38] Liebe Eltern!
Es hat Euch gewiß schon die Zeit lange gedauert, ehe Ihr ein Schreiben von mir erhalten habt. Gern hätte ich auch schon früher geschrieben, aber ich wollte mich erst noch etwas mehr umsehen, damit ich Euch über alles ziemlich bestimmte Nachrichten geben könnte. Was ich vor allem andern nun gleich erst bemerken will, ist, daß ich noch recht munter und wohl bin, und daß es mir hier in jeder Hinsicht recht gut gefällt. Mein Lehrherr ist so gut und freundlich, daß ich mir wohl nie einen besseren hätte  wünschen können und dabei geht alles im Hause so regelmäßig pünktlich, daß man jeden Tag und jede Stunde weiß, was man zu thun und zu beobachten hat.
In den Freistunden sieht es mein Lehrherr gern, wenn ich in nützlichen Büchern lese, und er leihet mir solche gern. An 3 Abenden [39] in der Woche besuche ich die Gewerbeschule und auch da sind die Lehrer mit mir zufrieden. Fast jeden Sonntag oder doch wenigstens alle 14 Tage komme ich zur Kirche und da erfreue ich mich an den schönen Gottesdiensten, notire mir auch die Hauptgedanken der Predigt, worüber sich mein Lehrherr so sehr freuet. Es herrscht überhaubt ein recht frommer christlicher Sinn hier im Hause, und darum könnt Ihr um mich ganz unbesorgt sein.
Indem ich nun Euch und meine lieben Geschwister recht herzlich grüße, bitte ich um ein baldiges Schreiben und bin stets Euer dankbarer gehorsamer Albert Grote.
Gronau    
den 6ten Juni.18   

[40]    Kl. Himstedt, den 12ten Juni 1869.
Lieber Albert!
Dein Schreiben vom 6ten M. haben wir erhalten und uns recht herzlich darüber gefreut. Du hast uns ziemlich lange warten lassen und wir haben uns allerlei Sorgen und Gedanken gemacht; besonder hat Deine liebe Mutter sich gar nicht darüber beruhigen können. Indeß will ich Dir deshelab keine Vorwürfe machen, weil Du erst eine nähere Einsicht von Deinen Umständen und Verhältnissen erlangen wolltes. Du hast uns über dieses alles ziemlich ausführliche Nachricht geben können, und wir müssen gestehen, daß uns diese Nachrichten große Freude bereitet haben. Ich danke den[!] lieben Gott dafür, daß er Dich bisher so gesund und munter erhalten hat, und daß Du bei so gute Leute gekommen bist! Nun erkenne Du das aber auch immer mehr und mehr und sei herzlich [41] dankbar für alles Gute, was Dir erwiesen wird. Sei recht aufmerksam auf alle Anweisungen, damit Du Deinem guten Lehrherrn immer lieber und angenehmer und in Deinem Geschäfte geschickt und tüchtig wirst! Behalte Gott und sein Wort lieb und hüte Dich vor bösen Gesellschaften! Dein Bruder Hermann wird Dich vielleicht bald einmal besuchen; schreib nur, wann es Dir am gelegensten ist.
Grüße Deinen braven Lehrherrn von mir und sei Du selbst herzlich gegrüßt von Deinem treuen Vater
A. Werner.

[42] Anweisungen, wie man Quittungen schreibt.
Merke:
1.Nimm einen halben Bogen reines Papier, laß oben 3 Fingerbreiten leeren Raum und an der rechten Seite etwa 2 fingerbreit.
2.Gieb genau an, von wem du etwas empfangen hast, auch nicht zu vergessen, wo derselbe  wohnt, ferner was oder wie viel du empfangen und wofür du es empfangen.
3.Ist dieses alles in gehörigen Zusammenhange hingeschrieben, so schreibt man Ort, Datum und Jahreszahl und darunter den Namen des Ausstellers der Quittung.
Richte dich nach den hierauf folgenden Beispielen!

[43] Quittung.
Ich bescheinige hiermit, daß mir der Vormund der Kinder des verstorbenen Tischlermeisters C. Holze in Ohlenrode, Herr Schullehrer Mühlenbring daselbst, die von dem Verstorbenen für erhaltenen Dielen rückständig gebliebenen 32 [Reichstaler] 20 [Neue Groschen] richtig ausbezahlt hat.
    Ildehausen, den 28ten December 1861.
    W. Falke,
    Holzhändler

[44]  Confirmanden in Gr. Himstedt
    Ostern 1878
1. Heinrich Kuhrmeier
2. Fritz Hoppe
3. Heinrich Miehe
4. Karl Reineke.
5. Ferdinand Kanne.
6. Hermann Handelmann.
7. Erna Hoppe.
8. Anna Loges.
9. Minna Miehe.
10. Minna Meier


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